Rede in der aktuellen Stunde zu dem Thema ''Notwendigkeit einer einheitlichen Praxis beim Kauf von Steuer-CDs'', 3. März 2010
Herzlichen Dank, Frau Präsidentin.Das Thema, über das wir in der heutigen Aktuellen Stunde diskutieren, sollte nach der ausführlichen Diskussion im Finanzausschuss am heutigen Morgen eigentlich erledigt sein.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU - Nicolette Kressl (SPD): Überhaupt nicht! Wieso denn das? - Jan Korte (DIE LINKE): Jetzt kommt jemand Konsequentes!)
Aber offensichtlich hat die SPD es noch nicht verstanden. Reden wir also ruhig darüber. Das Problem fängt schon mit dem Titel der Aktuellen Stunde an; ich weiß nicht, wer von Ihnen ihn sich ausgedacht hat. Sie wollen, dass wir über Steuer-CDs und deren Ankauf reden. Für mich war eine Steuer-CD bisher immer eine CD, auf der ein Programm ist, mit dem man eine Steuererklärung abgeben kann.
(Joachim Poß (SPD): Das war der erste Satz der Ablenkungsrede!)
Sie verstehen darunter offensichtlich etwas anderes. Jedenfalls wirft dieser Begriff mehr Fragen aus, als er beantwortet. Reden wir nur über Steuer-CDs oder auch über Steuer-DVDs, USB-Sticks oder Speicherkarten, vielleicht auch über ausgedruckte Geschäftsunterlagen?
(Leo Dautzenberg (CDU/CSU): Festplatten! - Joachim Poß (SPD): Jetzt musst du noch vier Minuten durchhalten, Volker!)
Sei es drum, der Kern des Problems ist nicht die sprachliche Nachlässigkeit der SPD.
(Beifall bei der FDP - Joachim Poß (SPD): Es ist schwer, fünf Minuten darüber zu reden!)
Der Kern des Problems ist, dass Sie eine einheitliche Praxis für Dinge fordern, die nicht einheitlich sind. Es ist ein Unterschied, ob man dem Finanzamt Daten anbietet, die einen kriminellen Hintergrund haben, oder ob überwiegend persönliche Angaben von Bürgerinnen und Bürgern enthalten sind.
(Nicolette Kressl (SPD): Einen einheitlichen Rahmen kann es geben!)
Nicht alles, was gleich erscheint, ist auch gleich. Ich finde es gut, dass sich der Staat ein angemessenes Mindestmaß an Differenzierung erlaubt.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU)
Die Bekämpfung von Steuerhinterziehung ist zweifellos ein wichtiges Anliegen, und dass die Bundesregierung hier sehr entschlossen vorgeht, hat sie unter Beweis gestellt. Aber ebenso wichtig ist es, dass der Staat dabei rechtsstaatlich einwandfrei handelt. In einem Rechtsstaat heiligt der Zweck nicht die Mittel.
(Beifall bei der FDP - Joachim Poß (SPD): Selbstverständlich ist das!)
Deshalb kommt es immer auf den Einzelfall an, und deshalb darf man, ja, muss man jeden Einzelfall gesondert bewerten. Was Sie fordern, ist doch nichts anderes, als dass der Staat in einem verfassungsrechtlich und rechtsstaatlich relevanten Bereich die Fälle holzschnittartig abarbeitet. Genau dies machen wir nicht mit.
(Beifall bei der FDP - Zuruf von der SPD: Der verweigert sich! - Joachim Poß (SPD): Sie reden sich raus!)
Wenn man Ihnen zuhört, meint man, sämtliche Datenträger, über die wir diskutieren, seien der SPD in Kopie angeboten worden. Die SPD weiß alles darüber. Sie reden, als hätten Sie alle Informationen persönlich vorliegen. Sie wissen genau, dass es sich hier nur um Daten von Steuerhinterziehern und nicht etwa auch um persönliche, schützenswerte Daten von Unternehmen oder Privatpersonen handelt. All dies wissen Sie. Wenn Sie diese Aktuelle Stunde nicht aus reinem Populismus beantragt haben, gibt es im Grunde nur zwei Möglichkeiten: Entweder reden Sie von Dingen, von denen Sie im Detail keine Ahnung haben, oder Sie sind mit der internationalen Datenhehlerszene besser vernetzt als jeder andere hier im Raum.
(Beifall bei der FDP - Lachen bei der SPD)
Sie verlangen von der Bundesregierung, dass sie erklärt, grundsätzlich alle Daten über Steuerhinterziehung ohne genaue Prüfung des Einzelfalls anzukaufen. Haben Sie das einmal zu Ende gedacht, Herr Kollege Poß?
(Joachim Poß (SPD): Einheitliche Verfahren, Herr Kollege!)
Nehmen wir einmal an, eine Terrororganisation sagen wir, al-Qaida verkauft eine Daten-CD. Dürfen wir dann die SPD mit den Worten „Kaufen um jeden Preis“ zitieren?
(Beifall bei der FDP - Joachim Poß (SPD): Das hat keiner gesagt!)
Sie können doch genauso wenig wissen, wer im Einzelfall welche Daten anbietet und woher sie stammen. Trotzdem fordern Sie hier ernsthaft Blankoschecks.
(Nicolette Kressl (SPD): Sagen Sie etwas zu Ihrer Position! - Joachim Poß (SPD): Das ist eine schlimme Verfehlung!)
Sie lehnen sich ganz schön weit aus dem Fenster.
(Beifall bei der FDP)
Deswegen werden wir hier mit den Stimmen der FDP auch nicht beschließen, dass der Staat jeden Datenträger ankauft, der ihm von wem und woher auch immer angeboten wird. Das machen wir nicht mit.
(Beifall bei der FDP - Christian Lange (Backnang) (SPD): Das hat auch kein Mensch beantragt! - Joachim Poß (SPD): Sie sitzen im Glashaus! Sie haben doch intime Kenntnis der Szene! Der Briefkastenfirmen!)
Der Staat muss Steuerhinterziehung konsequent bekämpfen. Es ist auch überhaupt nichts Verwunderliches oder Problematisches dabei, dass zwischen einzelnen Bundesländern unterschiedliche Datenkäufe unterschiedlich beurteilt werden. Ich verstehe nicht, wo Sie ein Problem haben.
(Nicolette Kressl (SPD): Sagen Sie einmal Ihre Position! - Christian Lange (Backnang) (SPD): Was haben Sie eigentlich für eine Position?)
In der Föderalismuskommission haben wir über zwei Jahre lang darüber diskutiert, ob wir eine stärkere Vereinheitlichung der Steuerverwaltung wollen.
(Joachim Poß (SPD): Was wollen Sie eigentlich, Herr Wissing! Denken Sie doch mal an die Steuerehrlichen! Oder vertreten Sie nur die Hinterzieher? Was wollen Sie eigentlich?)
In dieser Kommission gab es dafür erkennbar keine Mehrheit. Sie kennen die Rechtslage ganz genau. Wir haben einen kooperativen Föderalismus. Trotzdem stellen Sie sich hier hin und tun gegenüber der Öffentlichkeit so, als wären unterschiedliche Meinungen zwischen einzelnen Ländern und dem Bund in Steuerfragen ein aktuelles Problem dieser Bundesregierung.
(Beifall bei der FDP - Joachim Poß (SPD): Vertreten Sie doch mal die Interessen der steuerehrlichen Menschen in Deutschland!)
Herr Poß, das ist absurder Unsinn und sonst gar nichts.
(Beifall bei der FDP)
Was werfen Sie denn dieser Bundesregierung eigentlich vor?
(Joachim Poß (SPD): Denken Sie an die Steuerehrlichen!)
Dass sie Steuerhinterziehung konsequent verfolgt und dabei unsere Verfassung fest im Blick hat? Stört Sie das wirklich? Uns stört es nicht.
(Joachim Poß (SPD): Das ist doch selbstverständlich!)
Ginge es Ihnen wirklich um den engagierten Kampf gegen Steuerhinterziehung, hätten Sie uns an Ihrer Seite.
(Nicolette Kressl (SPD): Angriff ist die beste Verteidigung! - Christian Lange (Backnang) (SPD): Das ist das erste Mal!)
Was Sie machen, ist blanker Populismus. Um es noch einmal klar zu sagen: Unterschiedliche Entscheidungen in verschiedenen Bundesländern sind kein Problem, sondern Ausdruck eines funktionierenden Rechtsstaates,
(Dagmar Ziegler (SPD): Machen!)
eines Staates, der sorgfältig prüft, wo es etwas zu prüfen gibt, und der sich auch traut, Nein zu sagen, wenn es rechtsstaatlich nicht anders vertretbar ist.
(Beifall bei der FDP)
Ihnen mag ein solcher Rechtsstaat eine Last sein. Für Sie mag es eine Freude sein, die eigentlichen Stärken unseres Staates als vermeintliche Schwächen darzustellen.
(Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): In Baden-Württemberg wie in Nordrhein-Westfalen!)
Für uns bleibt ein Staat trotzdem stärker, wenn er den Aufwand auf sich nimmt, jeden problematischen Fall einzeln präzise zu bewerten. Dafür stellen wir uns auch ausgesprochen gerne der öffentlichen Diskussion mit Ihnen.
(Wolfgang Wieland (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN): Darum geht es gar nicht! - Joachim Poß (SPD): Denken Sie doch mal an den ehrlichen Steuerzahler, Herr Wissing!)
Vielleicht stellen am Ende dann auch Sie fest, dass Ihre Forderung nach einer standardisierten Praxis beim Kauf von Steuer-CDs
(Nicolette Kressl (SPD): Einen Rahmen! Aber natürlich!)
keine wirklich durchdachte Idee ist. Zumindest dann hätte sich diese Aktuelle Stunde irgendwie gelohnt. Danke schön.
(Beifall bei der FDP und der CDU/CSU - Joachim Poß (SPD): Kein Satz zur Sache selbst! - Christian Lange (Backnang) (SPD): Fünf Minuten gerade so überstanden! - Joachim Poß (SPD): Fünf Minuten Ablenkung!)

